Kloester, Natur und Abgase ...und der Klinsmann!
So kann man unsere bisherigen Erlebnisse in Lhasa zusammenfassen. Nach einer Woche hier in Lhasa haben wir uns mittlerweile ganz gut an die Hoehe gewoehnt. Trotzdem sind wir auch jetzt noch ziemlich geplaettet wenn es so ueber 4000 Meter geht.
Am Tag nach dem Potala-Besuch sind wieder frueh raus um das Kloster Sera zu besuchen. Es ist eines der groesten in der Umgebung von Lhasa (5km) und stellt eigentlich eine Stadt in sich dar. Zur Zeit der chinesischen Invasion gab es 5000 Moenche, jetzt sind es weit weniger. Was diese und die vielen anderen Moenche so den ganzen lieben langen Tag treiben wissen wir immer noch nicht so genau. Ein paar Taetigkeiten die wir selbst sehen konnten sind zb:
Jeden Tag zig Metallschaelchen rund um die Buddhastatuen auskippen, abtrocknen und neu mit Wasser fuellen um sie dem Buddha wieder vor die Fuesse zu stellen. Ob ihm das gefaellt weiss aber keiner. Heute ist mir aufgefallen dass die Zimmermaedchen (Zimmeromis) das gleiche mit dem altaraehnlichen Schrank in unserem 12 Bett Zimmer tun.
Morgens um acht wenn wir noch schlafen sich auf die Strasse vor unserem Fenster setzen und so ein Endlosgebet vor sich hinmurmeln bis wir aufwachen und noch laenger.
Debattieren: Das haben wir im Kloster Sera gesehen. So ungefaehr hundert Moenche sind in Fuenfergruppen auf dem Debattierplatz. Jeweils einer der fuenf muss wohl gegen die andern andiskutieren und klatscht bei jedem Argument sehr gestenreich in die Haende... Fuer uns sieht das echt merkwuerdig aus, welcher Europaeer wuerde schon ein Argument ernster nehmen weil es mit lauterem Klatschen vorgebracht wird?
Betteln. Das gehoert irgendwie zur tibetischen Kultur dazu und dementsprechend ist die Hemmschwelle andere Leute anzubetteln nahe null. Bei den Moenchen kann mans ja irgendwie verstehen, die haben ja keine Zeit zum arbeiten und als Gegenleistung fuer Essen oder Geld beten sie ja auch fuer die Allgemeinheit (siehe oben). Das erschreckenste am Betteln sind aber die vielen Kinder. Nicht dass die das alle noetig haetten. Vielen faellt aber beim Anblick von (westlichen) Auslaendern nix anderes ein als "Money, Money" zu rufen. Nach Hello gleich das naechste englische Wort dass die hier lernen...
Unterrichten: Am Tag nach dem Potala Besuch stand ja das Kloster Sera auf dem Programm. Hier hat uns der Guide wieder ziemlich schnell durchgeschleust. Die verbleibende Zeit zum nachmittaglichen Debattieren wollten wir also mit Wandern verbringen. Wir mussten dann zwar nach meiner beillaeufigen Frage "Haste eigentlich deinen Dokumentensack dabei?" erstmal Michis Geldguertel in der Hoteldusche abholen (die Angst muesst ihr euch ma vorstellen) schafften aber dennoch die 250 Hoehenmeter zu Einsiedelei Sera Uetse. Dieses Haus mit wunderbarem Ausblick gehoert auch zum Kloster und wird von nur einem Moench bewohnt. Der hat sich natuerlich sehr ueber unseren Besuch gefreut und uns mit heissem Wasser und ner Schale Reis bewirtet. Ausserdem hatte er gerade so 4 giggelnde Maedels da, die er anscheinend in buddhistischer (was sonst) Religion unterrichtet. Auch wenn die vier fast kein Englisch konnten wars schon lustig mal mit Einheimischen zu tun zu haben die einem nix verkaufen oder servieren oder sonst was wollen. Kinder fotografieren oder filmen ist hier immer ein Highlight. Die meisten haben sich wahrscheinlich noch nie selbst auf nem Bildschirm gesehen. Oben auf dem Berg konnten wir dann schon das Klatschen der Debatte hoeren, so gings nach einer Stunde wieder runter. Verabschiedet wurden wir von den Maedchen mit "Money, Money", haben aber natuerlich nur dem Moench was gegeben.
Mehr faellt mir zu den Moenchen jetzt nicht ein. Ihr muesst euch nur klar machen, dass sie hier einfach zum Strassenbild gehoeren. Lustig ist manchmal was sie ausser der roten Kutte so anhaben. Schuhe und Kopfbedeckung koenne sie wohl frei waehlen, so sieht man nicht selten einen jungen Moench mit den neuesten Turschuhen und Cowboyhut.
Die naechsten Tage waren auch von Wandern gepraegt: Einmal noch sind wir zum Kloster Sera gefahren um von dort aus andere kleine Kloester zu erkunden. Eine Nunnery, ein Kloster fuer Nonnen, haben wir auch gesehen. Unterscheidet sich eigentlich nicht von den Monasteries, den Moenchs-Klostern, ausser dass es viel weniger davon gibt. Sogar die Nonnen sind zumindest von weitem von ihren maennlichen Kollegen durch Kurzhaarschnitt und Kutte nicht zu unterscheiden.
Als weiteres Kloster war dann noch Ganden auf dem Plan. Es ist das Gruendungskloster des Gelugpa (Gelbkopf)-Ordens, dem alle Dalai Lamas entstammen. Er ist einer von mehren buddhistischen Orden, der irgendwann andere Orden als vorherrschende buddhistische Schulen abgeloest hat. Sein Gruender Tsongkapa darf eigentlich in keinem groesseren Kloster als Figur fehlen, in Ganden, von Tsongkapa gegruendet, wimmelt es also nur so von Statuen desselben. Das Kloster haben wir uns aber erst am zweiten Tag des Ausflugs nach Ganden angeschaut. Am ersten Tag sind wir mit dem oeffentlichen Bus hingefahren und haben den Rest des Tages mit Wandern verbracht.
Michi hat natuerlich ohne Ende Fotos gemacht aber daran habe ich mich mittlerweile gewoehnt. Ist wie mit einer Frau durch eine Einkaufsstrasse zu laufen - irgendwann hat man so ein Tempo drauf bei dem man nach jedem Foto wieder bequem eingeholt werden kann. Die Nacht haben wir im Gaestehaus des Klosters auf 4300m verbracht, dummerweise haben wir uns zu spaet die Betten gesichert so dass wir am End' in einem schlafen mussten. Haben uns antiparallel angeordnet und die Kaesefuesse im Schlafsack gelassen, so ging das.Morgens wurden wir von den Abgasen des Jakdungkamins geweckt, echt ekelhaft. Weil es hier so gut wie keine Baeume gibt ist Jakdung, von fossilen Brennstoffen mal abgesehn, das einzige brennbare Material.
Die Tibeter machen das so: Hat so ein Jak mal einen Haufen gemacht, wird er eingesammelt und an die Hauswand geklatscht. Dort kann er dann in der Sonne trocknen und irgendwann im Ofen verbrannt werden. Die tibetischen Nomaden haben also all ihre Waerme der inkompletten Verdauung ihrer Haustiere zu verdanken. Die Kackhaufen an der Wand erinnerten mich stark an diese Salzteigplaettchen, in denen man im Kindergarten mal seinen Handabdruck verewigt hat.
Ganden war dann das letzte Kloster das wir bewusst besucht haben. Nach ungefaehr fuenf Kloestern aehneln sie sich einfach so stark, dass man irgendwann gar nicht mehr weiss was ueberhaupt typisch fuer dieses oder jenes war.
Alle haben sie eine oder zwei grosse Gebetshallen und zig kleinere Kapellen mit goldenen Statuen. Es wiederholt sich. Ist ungefaehr so als wuerde man als Tibeter in einer Woche mal die Kirche in Marxheim, Lorsbach, Hofheim und Wildsachsen anschauen. Irgendwann sieht man nur noch Kreuze und Bilder von Leuten, die man nicht kennt.Nach der Rueckkehr aus Ganden kam dann die alles erloesende Nachricht: Die Raeder sind abholbereit am Bahnhof. Haben sie noch am gleichen Tag geholt.
Ausser einem gebrochenen Flaschenhalter alles ok. Die folgenden Tage bis jetzt haben wir dann mit kleineren Touren in der Umgebung von Lhasa verbracht. Morgens dauert es immer mehr oder weniger lange bis wir das Mittagessen eingekauft haben, noch bissl an der Raedern rumgeschraubt haben und uns dann entschieden haben wo es hin gehen soll. Mein Knie hat sich noch ein paar mal gemeldet - mal sehen wie es sich noch so entwickelt. Ich schlucke fleissig Ibuprofen und versuche nicht zu oft an das boese Knie zu denken, was gar nicht so einfach ist.
Jedenfalls versuchen wir uns langsam zu steigern, heute sind wir sogar mal 60 Kilometer gefahren. Mittags kochen wir uns immer Reis oder Nudeln auf dem Benzinkocher. Der erregt erstaunlicher Weise die groesste Aufmerksamkeit, noch vor Fahrraedern und roten Haaren. Wie gebannt schauen uns die Leute beim Kochen zu, als wuerden sie darauf warten dass wir irgendwo Jakmist nachschieben...Gestern war wieder so ein Tag. Wir sind erst mittags rausgekommen und haben die zehn Kilometer zum Drepung Kloster erradelt, am Anstieg macht sich auch nach einer Woche Aufenthalt die duenne Luft noch gut bemerkbar. Nach dem Mittagessen entschieden wir dann, einmal quer durch das Lhasa-Tal zu fahren um die andere Flussseite zu erkunden. Haben also den direkten Weg genommen durch den westlichen Teil der Stadt. Hier wohnen eigentlich nur Chinesen und es gibt nicht viel ausser dreckigen Wohnvierteln, brachliegenden Industriegelaenden und teils matschigen Strassen.
Eine der Pfuetzen wurde Michi zum Verhaengnis. Mittendrin ist er nicht mehr rechtzeitig aus den Klickpedalen gekommen und hat sich ein wenig nass gemacht. Die Luft knisterte schon, so bin ich langsam weitergefahren aus der Gefahrenzone des Wutausbruchs. Nach 600 Metern merk' ich dass Michi gar nicht gefolgt ist und fahre zurueck zur Pfuetze. Auch da kein Michi. Ich fahr' also weiter und ueberlege schon zum Hotel zu radeln, als ich ihn doch noch entdecke, am Eingangstor einer Kaserne! Bald merke ich dass er da nicht steht um nach dem Weg zu fragen. Ich geselle mich dazu und schnell wird klar was passiert ist. Beim Pfuetzensturz hat sich irgendwas in Michis Lenkertasche veraendert, so dass die Kamera mehr klapperte als es sich gehoert. Er hielt also insgesamt dreimal an um nachzuschauen was sich da ruehrt, mindestes beim dritten mal nimmt Michi die Kamera raus und fokussierte auf - na was? Einen chinesischen Luftwaffenstuetzpunkt.
Warum der mitten in der Stadt liegt wissen wir zwar immer noch nicht, jedenfalls war er da! Hat Michi beim Kamera-testen aber nicht bemerkt, die bunten Sonnenschirme, unter denen die strammen Wachposten immer stehen sehen irgendwie auch verdammt nach Eisstand aus. Langsam legt sich bei Michi die Wut ueber Sturz und Klappern, uns beiden wird irgendwie mulmig, denn - der grosse Moment ist da: Zum ersten mal in unserem Leben werden wir gefangen genommen und verhoert, allerdings - dass muss man den Chinesen zu Gute halten - wir werden nicht gefoltert. Ein ganzer Haufen Soldaten steht irgendwie ratlos da und keiner kann Englisch. Nach ein paar Minuten kommt der Kommandant der ganzen Einrichtung. Er ist zwar schon in zivil, dass er der Chef ist erkennt man aber daran dass alle anderen Soldaten ziemlich nervoes vor ihm werden und er immer am eifrigsten heisses Wasser nachgeschenkt bekommt.
Wir begeben uns in den Aufenthaltsraum der "Pfoertner-Soldaten" und Michi soll erstmal aufschreiben was er eigentlich sagen will. Das geschriebene verstehen sie zwar alle nicht ganz, aber wir merken recht schnell dass uns die Luftwaffenleute nicht so boese gesonnen sind. Schliesslich ist auf der Kamera kein Foto der Kaserne drauf und ueberhaupt erklingt unsere Erklaerung fuer das Betrachten eines Militaergebaeudes durch die Spiegelreflex irgendwie einleuchtend. Es wird noch ein Dolmetscher herangeschafft der Englisch spricht, da wird es alles noch klarer und wir merken schon dass es wohl nochmal gut gehen wird. Der Kommandant hat mittlerweile seinen Feierabend vergessen und erzaehlt uns dass er Deutschland ja so toll findet und den Klinsmann sowieso und ausserdem ist ja gerade in Stuttgart die TurnWM! Aha. Er mag uns wirklich. Irgendwann sagt er noch der Michi waere ja ein "handsome guy" und packt ihm nochmal kraeftig so testweise an die Oberschenkel - hrrrr. Da erzaehlt der Dolmetscher gleich pflichtbewusst dass der Kommandante ja auch mal ganz schoen sportlich war, jaja.
Wir wittern immer mehr Morgenluft aber dann sollen wir doch noch mal warten denn die Auslaenderpolizei will uns auch noch mal begutachten. Die drei Leute kommen schliesslich und gucken uns so richtig boese an. Vielleicht auch schon Feierabend gehabt. Eine der drei ist ne zweite Dolmetscherin die gleich ganz nett ist, die anderen beiden sind aber die boesen Cops. Nach unseren Paessen wird erstmal Michis Kamera unter die Lupe genommen.
Der Oberpolizist klickt sich durch jedes einzelne der 200 Fotos und verzieht keine Miene. Die 10 Leute hinter ihm sind aber spaetestens nach dem 10ten Yakbild oder Axel-und-Kocher oder Michi-auf-dem-Fels-Bild am grinsen. Meine Videokamera wird auch noch gefilzt, hier muss sogar der Oberpolizist lachen, wahrscheinlich hat er noch nie Leute gesehen die sich beim Tsampa (Mehlbrei)-Essen oder Radfahren filmen...Tja, das war ein Erlebnis! Bis auf unsere Passkopien haben wir nichts lassen muessen. Ob dieser Zwischenfall sonst irgendwas bedeutet fuer uns - keine Ahnung. Zumindest haben wir keine Lust nochmal mit der Auslaenderpolizei zu tun zu haben. Michi schaut jetzt vor jedem Foto nochmal genau um sich dass auch ja kein gruenes Maennchen in der Naehe ist.

Das wars soweit von uns. Wenn alles klar geht machen wir uns in 2 Tagen auf den ca 5-woechigen Weg nach Nepal. Unterwegs wird es wenn ueberhaupt nur einmal Internet geben (in Shigatze), wenn ihr also nix von uns hoert liegen wir wahrscheinlich gerade in der Einsamkeit unterm Sternenhimmel und traeumen von Steak und warmem Wasser...

Get firefox !!
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